Hier mischen sich zwei „Erzählstränge“:

Erzählstrang A: Mein Projekt 366 – ein Jahr lang, jeden Tag ein Foto. 366, weil nächstes Jahr der Februar 29 Tage hat. Heute „Tag 2“

Erzählstrang B: Der Anlass für Erzählstrang A. Die lebensbedrohliche Erkrankung von H., der am Tag 0 die Transplantation erhalten hat, die sein Dasein zu einer Wiedergeburt geführt hat. „Tag +2“ – der zweite Tag nach der Transplantation.

Und diese zwei Stränge berühren sich: Ich werde zu tieferen Tiefen in meinem Bewußtsein geführt, wenn ich mich mit H. unterhalte. Und angespornt, das zu tun, was das wirklich Wesentliche in meinem Leben ausmacht. Und das Wesentliche in meinem Leben ist immer verwoben mit anderen Menschen – einerseits. Und immer mehr mit Fotografie – andererseits.

Darum soll es hier gehen: um Fotografie. Jeden Tag, täglich, alltäglich. Schritt für Schritt einen Pfad beschreiten. Meisterschaft als Ziel – dabei aber nicht als ein endgültig zu erreichender Zustand – sondern als Weg. Um ein Lernender zu bleiben. Und bei diesem Gedanken fällt mir ein, was ich vor einigen Jahren gelesen habe:

Meisterschaft entzieht sich einer genauen Definition, und doch kann sie leicht erkannt werden. Sie hat viele Ausdrucksformen und folgt doch bestimmten unveränderlichen Gesetzen. Sie bringt zwar vielfältige Belohnungen mit sich, ist aber eigentlich weder Ziel noch Zweck sondern eher ein Prozeß.

[… ]

[Der] Weg des Meisters ist nicht für Wunderkinder oder diejenigen reserviert, die das Glück hatten, sich früh auf den Weg zu machen. Er ist für jeden Menschen begehbar, der bereit dazu ist, sich auf den Weg zu machen und auf ihm zu bleiben – unabhängig von Alter, Geschlecht oder von bisherigen Erfahrungen.

George Leonard // in: „Der längere Atem“, Heyne-Verlag

Diese zitierten Gedanken sind es, die einen wichtigen Teil meiner Motivation für mein 366-Tage-Projekt ausmachen. Lernen funktioniert am besten als Anfänger. Dazu gehört, wie George Leonard meint, Wissensdurst und die Bereitschaft, sich selbst als Narr zu zeigen.

Ob wir es frei wählen oder nicht: Im Leben stehen wir immer wieder als Anfänger da, als Menschen, die völlig Neues zu meistern haben.

Und irgendwie habe ich mich jetzt in den zwei Erzählsträngen total verheddert.

Da stellt sich das Huhn auf ein Bein und kuckt schief.

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